Gendersternchen
Kolleg*innen
Seit ca. 2009 aus queerfeministischen Communities. Der Stern als Wildcard: hält Platz für alles jenseits von zwei.
Gendern ist keine Mode-Erscheinung und nicht-binäre Menschen sind keine Erfindung des Internets. Hier liegen die Belege, Tabellen und Anekdoten – zum Nachlesen und Weitererzählen.
Kolleg*innen
Seit ca. 2009 aus queerfeministischen Communities. Der Stern als Wildcard: hält Platz für alles jenseits von zwei.
Kolleg:innen
Von vielen Screenreadern als kurze Pause gelesen, deshalb bei manchen Sehbehindertenverbänden beliebter.
Kolleg_innen
2003 von Steffen Kitty Herrmann vorgeschlagen: die Lücke als Raum für alles dazwischen.
Team, Belegschaft, Mitarbeitende
Barrierearm, ohne Sonderzeichen, gut vorlesbar. Fast immer die eleganteste Lösung.
das Kollegy, die Kollegys
Wortstamm + y, Artikel immer „das“. Popularisiert vom Linguisten Thomas Kronschläger.
KollegInnen
Aus den 1980ern, binär: kennt nur zwei Geschlechter. Heute meist ersetzt.
Es gilt immer, was die Person selbst nutzt. Fragen ist erlaubt, Raten nicht.
| System | Nominativ | Akkusativ | Dativ | Possessiv |
|---|---|---|---|---|
| sie/ihr | sie | sie | ihr | ihr Buch |
| er/ihm | er | ihn | ihm | sein Buch |
| they/them | they | them | them | their Buch |
| dey/deren | dey | demm | demm | deren Buch |
| xier (Heger) | xier | xien | xiem | xier Buch |
| sier | sier | sien | siem | sies Buch |
| en/ens | en | en | en | ens Buch |
| hen (schwed.) | hen | hen | hen | hens Buch |
| nur Name | Alex | Alex | Alex | Alex' Buch |
ca. 1375
Im Mittelenglischen wird „they“ längst für einzelne Personen unbekannten Geschlechts benutzt – bei Chaucer, später bei Shakespeare und Jane Austen. Das Pronomen ist älter als der Buchdruck in Europa.
1721
Geboren 1687 als Catharina Margaretha Linck, lebte Rosenstengel als Mann, arbeitete als Soldat und Färbergeselle und heiratete 1717 Catharina Margaretha Mühlhahn. 1721 in Halberstadt hingerichtet – eine der letzten Hinrichtungen wegen „Sodomie“ in Deutschland. Aufgearbeitet u.a. von Angela Steidele.
1871
Die britische Kolonialverwaltung kriminalisiert die Hijra – eine Gemeinschaft jenseits der Zweigeschlechtlichkeit, die schon in Mahabharata und Kamasutra erwähnt wird. 2014 erkennt Indiens Oberster Gerichtshof ein drittes Geschlecht rechtlich an: eine Rückkehr, keine Neuerung.
1919–1933
Magnus Hirschfelds Institut in Berlin ist weltweit die erste Einrichtung, die zu Geschlecht und Sexualität forscht. Es stellt „Transvestitenscheine“ aus, die vor Verhaftung schützen. Am 6. Mai 1933 wird es von Nationalsozialisten geplündert, die Bibliothek verbrannt. Deshalb wirkt heute so viel wie „neu erfunden“.
1966 / 2015
1966 vorgeschlagen (inspiriert vom geschlechtsneutralen finnischen „hän“), ab 2012 populär, 2015 in die Wortliste der Schwedischen Akademie aufgenommen. Ein Neopronomen kann sich in einer Generation etablieren.
1969/1970
Trans Frauen of Color prägen die Aufstände in New York und gründen 1970 STAR für obdachlose trans Jugendliche. Das „P.“ in Marsha P. Johnson stand für „Pay it no mind“ – ihre Antwort auf Fragen nach ihrem Geschlecht.
1980
Guentherodt, Hellinger, Pusch und Trömel-Plötz veröffentlichen die „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“. In den 80ern kommt das Binnen-I, 2003 der Gender-Gap (Steffen Kitty Herrmann), ab 2009 das Sternchen und das xier-System (Illi Anna Heger).
1990
Bei einem Treffen in Winnipeg wird der Sammelbegriff „Two-Spirit“ gewählt, um koloniale Fremdbezeichnungen zu ersetzen. Viele indigene Nationen Nordamerikas hatten eigene Begriffe und Rollen jenseits zweier Geschlechter.
2017/2018
Das Bundesverfassungsgericht verlangt einen weiteren Personenstandseintrag; seit 2018 gibt es „divers“ und die Möglichkeit, den Eintrag offen zu lassen. Das Recht kennt mehr als zwei Kästchen – Formulare oft noch nicht.
Jeder Reim mit der Erklärung, worum es eigentlich geht.
„Enby“ kommt vom englischen NB = non-binary. Nicht-binäre Menschen sind keine Erfindung von 2015: Schon 1721 wurde Anastasius Rosenstengel in Halberstadt hingerichtet – ein Mensch, der bei Geburt einen weiblichen Geschlechtseintrag bekam, als Mann lebte, eine Frau heiratete und bis zuletzt auf der eigenen Identität bestand. Respekt kostet nichts, Anerkennung retten Leben.
Dazu üben →Neutrale Formen wie „Studierende“, „Lehrkräfte“, „Team“ oder „Fachleute“ schließen alle ein, ohne Sternchen-Diskussion. Sie sind auch die barrierefreundlichste Variante: Screenreader lesen sie ohne Sonderzeichen vor.
Dazu üben →Der Gender-Doppelpunkt (Kolleg:innen) wird von vielen Screenreadern als kurze Pause gelesen und ist deshalb bei manchen Blinden- und Sehbehindertenverbänden beliebter als der Stern. Wichtig: konsistent bleiben – innerhalb eines Texts nur eine Schreibweise.
Dazu üben →Das Gendersternchen entstand um 2009 aus queerfeministischen und trans* Communities. Der Stern steht bewusst für das Offene: nicht „zwei Geschlechter plus Rest“, sondern ein Platzhalter für alle Geschlechter und Identitäten.
Dazu üben →Dey/deren ist ein deutsches Neopronomen-System, angelehnt an das englische they/them: „Dey hat deren Buch dabei.“ Neopronomen sind kein Spaß-Projekt, sondern Sprachwerkzeuge – wer sie benutzt, muss sie nicht erklären.
Dazu üben →Es gibt viele Systeme: xier/xies, sier/sier, en/ens, hen (aus dem Schwedischen, dort seit 2015 im Wörterbuch), dey/deren, ey/em. Nachfragen ist erlaubt, Rätselraten nicht.
Dazu üben →Studien zu trans und nicht-binären Jugendlichen zeigen: Werden Name und Pronomen in mehreren Lebensbereichen respektiert, sinkt das Risiko für Suizidversuche deutlich. Ein Pronomen ist kein Gefallen, es ist Gesundheitsvorsorge.
Dazu üben →Das generische Maskulinum ist nicht neutral: In Experimenten denken Menschen bei „Ingenieure“ überwiegend an Männer, bei „Ingenieur*innen“ an gemischte Gruppen. Sprache steuert, wen wir uns vorstellen – und wer sich angesprochen fühlt.
Dazu üben →Entgendern nach Phettberg (Hermes Phettberg, Wien): Wortstamm plus -y im Singular, -ys im Plural, immer mit „das“. Aus Arzt wird „das Arzty“, aus Studenten „die Studentys“. Radikal simpel, spielerisch und komplett geschlechtsfrei.
Dazu üben →Konsistenz ist alles: ein Sternchen in der Überschrift und dann drei Absätze generisches Maskulinum wirkt wie Deko. Gendern ist Handwerk, nicht Garnitur.
Dazu üben →Sich selbst mit Pronomen vorzustellen („Ich bin Kay und nutze they/them“) verschiebt die Last: Dann müssen nicht nur trans und nicht-binäre Menschen sich outen, sondern alle machen ihre Pronomen sichtbar.
Dazu üben →„Sehr geehrte Damen und Herren“ lässt alle nicht-binären Menschen draußen. Alternativen: „Guten Tag“, „Sehr geehrtes Team der …“, „Hallo zusammen“, „Sehr geehrte Person am Empfang“.
Dazu üben →Pronomen in der E-Mail-Signatur sind ein Mini-Aufwand mit Maxi-Wirkung: Sie normalisieren das Thema und laden andere ein, dasselbe zu tun – freiwillig, nie erzwungen.
Dazu üben →Phettbergs Y-Form ist auch ein Barrierefreiheits-Tipp: keine Sonderzeichen, keine Doppelnennung, leicht vorlesbar. Perfekt für Ansagen und Untertitel.
Dazu üben →Deadnaming (der alte Name einer trans Person) ist kein Detail, sondern ein Outing gegen den Willen der Person. Formulare sollten „Rufname“ statt nur „Vorname laut Ausweis“ abfragen.
Dazu üben →